Seit dem 1. Januar 2009 benötigt jeder Eigentümer, der seine Immobilie vermieten, oder verpachten möchte, gemäß der Energieeinsparverordnung (EnEV) einen Energieausweis. Der Energieausweis enthält nicht nur nützliche Informationen rund um die Beschaffenheit von Wänden, Fenstern, Dächern oder Heizung. Er zeigt auch anhand individueller Modernisierungsempfehlungen, wie der Energieverbrauch reduziert und so die Energiebilanz verbessert werden könnten. Zudem lässt sich anhand des Energieausweises der Energiestandard verschiedener Gebäude miteinander vergleichen. Das ist zumindest die Theorie. Ein Praxistest des Eigentümerverbandes Haus & Grund brachte nun zum Vorschein, dass die Aussagekraft des Energieausweises um einiges unzuverlässiger ist, als bislang angenommen. Um die Glaubwürdigkeit zu testen, hatte der Verband innerhalb von zwei Monaten jeweils für ein Mehrfamilien- und ein Doppelhaus 20 Energieausweise bei verschiedenen Energieberatern sowie über ein Onlineportal beantragt. Das Ergebnis ist erstaunlich: Der ermittelte Energiekennwert für ein- und dieselbe Immobilie variiert mitunter um bis zu 46 Prozent.

Gebäudenutzfläche kein objektiver Kennwert

Nach Einschätzung des Eigentümerverbandes liegt der scheinbar geringen Aussagekraft des Energieausweises ein systematischer Fehler zugrunde. Er entsteht bei der Berechnung der Gebäudenutzfläche, die essenziell ist, um den Energiebedarf bzw. Energieverbrauch einer Wohnimmobilie nach EnEV zu ermitteln. Wie der Praxistest zeigt, ist die Ermittlung der Gebäudenutzfläche von der Sorgfalt des Ausweiserstellers abhängig – sie fiel im Test manchmal kleiner, manchmal größer aus. Laut Verband zeigt dies, dass die Bezugsgröße des Energiekennwerts fiktiv und die Gebäudenutzfläche nicht mit der tatsächlichen Wohnfläche identisch ist.

Die Werte des Energieausweises sind offensichtlich nicht repräsentativ. Nach Ansicht des Eigentümerverbandes sollten die Vorschriften zum Energieausweis deshalb überdacht werden. Haus & Grund empfiehlt, statt des standardisierten Verfahrens die individuelle Energieberatung zu verbessern.

Energieausweis für Heizkosten irrelevant

Weiterhin betont der Verband, dass der Energieausweis und der darin eingetragene Energiekennwert keine Aussagekraft über die zu erwartenden Heizkosten haben. Die Höhe der Heizkosten ist von den Kosten des Brennstoffs, der Wartung und vom Heizanlagenbetrieb abhängig. Der seit 2014 in jeder Vermietungsanzeige angegebene Energiekennwert täuscht die Wohnungssuchenden. Aus diesem Grund sollte die Ausweispflicht des Energieausweises wieder aufgehoben werden.

 

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